Zu spät!
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In bester Verfassung.




Nanny des Monats September 2009:
Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen

Eigentlich, liebe Freiwillige (*kicher*) Selbstkontrolle Fernsehen, darfst Du ja nicht am Rennen um den Ehrentitel „Nanny des Monats“ teilnehmen. Denn Entmündigen und Bevormunden, das tust Du ja nicht selbstlos und aus freien Stücken, sondern weil es Deine Aufgabe ist. Und das Grundgesetz aushebeln, nicht zu vergessen. Denn dessen berühmter, in Artikel 5 enthaltener Satz „Eine Zensur findet nicht statt.“ meint in allererster Linie: Es gibt keine Gremien, denen man etwas vorlegen und es von ihnen abnicken lassen muß, bevor man es veröffentlichen darf. Jeder darf erst einmal publizieren, was er will – sollte es strafrechtlich relevant sein, wird er dies hinterher zu spüren kriegen. Eigentlich dürfte es so etwas wie Dich, Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen, also gar nicht geben. Aber daß man Dir als kommerzieller Sender Filme und Serien vorlegen und sich dann nach Deinen Anweisungen ans Überpiepen und Schneiden machen muß, bevor man etwas ausstrahlen darf (und dies auch nur zu den Uhrzeiten, die Du festlegst), das hat ja mit Zensur nichts zu tun. Sondern einzig und allein mit dem Schutz unserer Jugend. Und da unsere Medien frei und unabhängig sind, weist niemand darauf hin, daß Zensur seit eh und je, immer und überall damit begründet wird, daß irgend etwas schutzbedürftig wäre: Anstand und Moral, Sitte und Gesellschaft, Staat und Religion, der Potentat, die Menschheit, das Universum.

Da unsere Medien so frei und unabhängig sind, hinterfragen sie nicht Dein Tun, Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen. Oder ignorieren es einfach und klagen sich mal durch die Instanzen, im Zweifelsfall bis nach Straßburg. Nein, unsere freien und unabhängigen Medien erweisen sich als brave Zöglinge. Sie arbeiten so unterwürfig mit Dir zusammen, wie man es nur aus Diktaturen gewohnt ist. Und fügen sich ergeben Deinem Diktat bzw. dem Deiner erlauchten Zenso-, pardon: Jugendschützer. (Stimmt das Gerücht, daß doch alle auch privat einen Fernsehapparat besitzen sollen? Und selbst E-Mails öffnen können?)

 

 

 

So hat sich jetzt, dank umfassenden Mediengeschreis, auch der einstmals innovative Fernsehsender RTL darauf eingelassen, seine Sendereihe „Deutschland sucht den Superstar“ zu kastrieren. Pardon: ganz jugendgerecht zu machen. Dabei müssen dort, wie Du und andere Nannies meinen, nicht nur die Zuschauer geschützt werden. Sondern auch die Kandidaten – Leute, die beispielsweise auch nach der sechsten Staffel immer noch nicht begriffen haben, daß sie dort nur für eine billige Show benutzt werden. Leute, die meinen, wenn sie morgens um eins in ihrer Kneipe oder am Ballermann herumgrölen, könnten sie doch ohne weiteres auch im Fernsehen singen. Leute, die keine Freunde haben.

Wenn der böse Herr Bohlen diese nicht mehr auf den Boden der Tatsachen zurückholen darf; wenn nicht mehr so denkwürdige Sätze fallen dürfen wie „Du singst wie eine Kuh beim Kacken“, sondern besser: „Du, das war jetzt vielleicht nicht ganz optimal, du, aber nicht daß du denkst, du könntest nicht singen, nee, nee, probier das ruhig weiter die nächsten zehn, zwanzig Jahre, irgendwann wirst du sicher mal einen Ton treffen, ach Menno, also komm, wir bequatschen das mal bei einem Gurkentee!“ – dann, ja dann könnte es trotzdem immer noch sehr lustig werden, wie Deine Oberzen-, nein, Chefnan-, ach, Sprecherin in dieser Sache erklärt hat.

Und nur ganz, ganz schlimme Menschen, solche, die sich womöglich gar Deines Schutzes zu entziehen versuchen, denken bei dieser Dame und ihren Äußerungen an Irm Hermann und ihren Auftritt in Loriots „Pappa ante portas“ mit dem schönen Satz: „Wir sind heitere Menschen.“

 

 

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