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Kiffen im Bus

„Ick hab dit ja nich so jerne, wenn in meinem Bus mit Drogen rumjemacht wird!“

Ach du liebe Zeit, dachte ich. Daß in der Berliner U-Bahn der Handel mit „Betäubungsmitteln“ blüht, daran hat man sich ja längst gewöhnt. Und es drängt sich der Eindruck auf, daß – nach jahrelanger intensiver Bekämpfung der Drogenszene – diese mittlerweile nicht nur auf einzelne Stationen oder Linien beschränkt ist, sondern sich auf das gesamte Netz ausgeweitet hat. Aber im Bus? Wird jetzt auch schon in den Doppeldeckern gedealt?

Aufatmen konnte ich, als der Fahrer seine Durchsage fortsetzte. Auf-, aber besser nicht einatmen. Schallte es doch durch die Lautsprecheranlage: „Wenn ihr schon raucht, denn macht wenigstens dit Fensta uff. Sonst könnter an der nächsten Haltestelle aussteigen.“

Da begriff dann endlich auch ich, wonach es in dem ganzen Bus so intensiv roch. Ich hatte das, in meiner Naivität, für schweres Parfum gehalten – zumal neben mir zwei ältere Damen standen, die miteinander russisch parlierten.

Das ist die Wirklichkeit: In einem gut besetzten Berliner Bus wird am frühen Abend so fröhlich gekifft, daß der Wagen vermutlich noch danach riecht, wenn er Stunden später in den Betriebshof zurückkehrt. Und der Fahrer dieses Busses fordert, die Fenster zu öffnen. Mehr nicht.

Die Szene spielte sich übrigens nicht etwa in jenem Slumgürtel ab, der sich um das Zentrum der Hauptstadt gelegt hat. Auch nicht im notorischen Neukölln. Sondern im Südwesten – Berlins bürgerlichster und wohlhabendster Ecke. Sie verläßt die betroffene Buslinie nicht. Und diese verläuft nur wenige hundert Meter entfernt von einem Geschäft, in dem sich allerlei Gerätschaften zur Aufzucht gewisser Pflanzen erwerben lassen.

Wer wissen möchte, wie die Wirklichkeit ausschaut, kann auch einmal ins Internet gehen. Nicht, um irgendwelche Samen zu bestellen oder Anleitungen zur wirkungsvollsten Aufzucht und Verarbeitung des daraus sprießenden Grünzeugs. Obwohl man derlei in den Weiten des Netzes sicher auch massenhaft findet. Ebenso wie Erfahrungsberichte über verschiedenste „Trips“. Es genügt schon, einmal in stinknormale Kontaktforen zu gucken. Wo man in der Rubrik „Raucher“ vielleicht viel-, nein: eindeutig „****“ angeben kann. Wo es etwa heißt: „Wer hat heute abend Lust, mit mir was zu rauchen?“ Was das wohl sein wird? Mentholzigaretten?

Mehr als vierzig Jahre nachdrücklicher Kampf gegen die argen Gefahren des Cannabiskonsums haben ein bemerkenswertes Ergebnis gezeitigt: Mittlerweile scheinen weite – und immer weitere – Teile der Bevölkerung zu meinen, Haschisch zu rauchen sei bestenfalls so rechtswidrig wie morgens um vier bei roter Ampel eine vollkommen leere Straße zu überqueren. Kiffen ist gesellschaftsfähig geworden. Man spricht ganz unverhohlen darüber. Man tut es völlig offen.

Von den Medien werden wir regelmäßig mit Siegesmeldungen belästigt: Irgendwo habe die Polizei mal wieder drei Cannabispflanzen aufgespürt. Und heldenhaft vernichtet (womit natürlich nicht gemeint ist, daß sich die Beamten zur Entspannung...). Oder auch einen ganzen Balkon voll. Ein Zimmer. Eine professionelle Aufzuchtanlage.

Schön, daß sich unsere Polizei um die Dinge kümmert, die wirklich wichtig sind.

Und natürlich will ich niemals die Frage stellen, ob das, was da sichtbar wird, nicht bloß die Spitze eines Eisberges ist. Ob nicht auf jede entdeckte und ordnungsgemäß vernichtete Pflanze zehn kommen, die unbehelligt gedeihen können und in den Handel gelangen bzw. von ihren Gärtnern konsumiert werden. Ein Mangel an diesen Rauschmitteln scheint jedenfalls nicht zu bestehen.

Aber das Rauchen wird verboten. Wohlbemerkt: Das Rauchen reinen Tabaks. Was dann als enormer Erfolg der Politik verkauft wird. Und als gewaltiger Gewinn für die Bürger.

Nun will ich nicht erwarten, so ein Politiker könnte auch mal mit einem Berliner Bus fahren, am frühen Abend, wenigstens in der bürgerlichsten und wohlhabendsten Ecke der Stadt. Natürlich nicht. Mir würde es schon genügen, er schaute mal ins Internet (vielleicht mit Hilfe der Sekretärin, die ihm immer noch die E-Mails öffnet und ausdruckt).

Aber auch da liefe so ein Politiker natürlich Gefahr, das Paralleluniversum zu verlassen, in dem er lebt. Und deshalb mit der Wirklichkeit in Kontakt zu kommen.

Und müßte er die zur Kenntnis nehmen – wie käme er sich da am Ende vor?

 

 

! – Rauchen verursacht Sonnenfinsternisse. Ihr Postbote kann Ihnen dabei helfen, aufzuhören.

 

 

 

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